Wir schreiben das Jahr 2019. In Köln läuft die Gamescom, die größte Computer- und Videospielmesse der Welt. 373.000 Gamer spielen verrückt und stehen sich die Beine in den Bauch: Dauerbeschallung bis die Ohren klingeln. Ich bin nicht dabei, sondern hänge krank vor dem Fernseher. Um ein bisschen Gamescom-Feeling ins eigene Wohnzimmer zu holen, schaue ich die Online-Streams der Rocket Beans. Als ich einschalte läuft die Dosenbeatz-Party. Ein junger Mann kommt nur mit seinem Game Boy auf die Bühne. Er drückt die Tasten und ich höre treibende elektronische Beats. Die Melodie erinnert mich an Tetris, Super Mario und Co., sie fühlt sich aber auch unerwartet und neu an. Vault Kid begeistert nicht nur mich, sondern auch das Partypublikum.

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Vault Kid performing at Chip Hits the Fan in Nürnberg, Germany, 2019. Photo by Chiptography.

Vault Kid ist der Künstlername von Keno. Er ist einer der wenigen Chiptune Künstler in Deutschland. Er macht Musik mit alten Videospielkonsolen, wie dem Game Boy. Dieser Auftritt ist für mich der Startschuss in eine völlig unbekannte Welt. Die eher kleine Chiptune Szene ist zwar weltweit verbreitet, am größten in Japan und den USA. Doch hierzulande vermutet Vault Kid weniger als 20 aktive Künstler, die er alle persönlich kennt.

Im Rahmen meiner Recherche durfte ich Keno aka Vault Kid kennenlernen. Keno kommt aus Ostfriesland, genau wie ich. Er lebt leidenschaftlich Musik und studiert in Oldenburg Informatik. Seine Reise in die Chiptune Welt begann ebenfalls mit einer Sendung von den Rocket Beans. Bei dem Internetsender war 2015 der Künstler Tronimal zu Gast, einer der bekanntesten Chiptune Musiker in Deutschland.

Doch was ist Chiptune/Chipmusic überhaupt?

Der Urvater bzw. die Urmutter der computergenerierten Musik lässt sich bereits in den 1950ern finden. Aus dem Computing Machine Laboratory in Manchester stammt die erste bekannte Aufnahme, aufgenommen von Alan Turing im Jahr 1951. Der Song: Die Nationalhymne von Großbritannien „God Save the Queen“.

Es dauert lange, bis sich die Musik aus dem Labor in eine popkulturelle Szene entwickelt. Vor allem zur Jahrtausendwende wächst die Chiptune Community durch die Nutzung des Game Boy. Der klassische Game Boy von 1989 ist bis heute einer der beliebtesten Geräte in der Chiptune Szene. Er besticht dabei vor allem durch den charakteristischen Sound, die einfache Handhabung, die Portabilität und die vergleichsweise günstige Beschaffung.

Chiptune zeichnet sich vor allem über die Soundästhetik aus, die klassischerweise über die Soundchips alter Videospielkonsolen oder Heimcomputer erzeugt wird. Die Nutzung der originalen Hardware wie dem Game Boy, NES, Sega Mega Drive oder Commodore 64 ist zwar üblich, aber nicht zwingend notwendig.  Auch wenn nur ein Teil der Musik auf der Konsole komponiert ist oder lediglich simulierte 8-Bit Klangästhetik genutzt wird, lässt es sich dem Chiptune zuordnen. Durch eine Software, wie zum Beispiel dem Programm Little Sound DJ (LSDJ), kann der Künstler direkt auf den Soundchip der Videospielkonsole zugreifen. Das Programm wird auf ein leeres, wiederbeschreibbares Modul, auf dem sich sonst die Videospiele befinden, installiert. Der Game Boy kann dabei nur vier Töne gleichzeitig abspielen.

Die Künstlerin Chipzel vergleicht dabei den musikalischen Prozess mit dem ethischen Hacking. Sie erzählt in ihrem TEDx Talk, wie wir uns von einem passiven Konsumenten emanzipieren können, in dem wir mit unserer Kreativität standardisierte Wege umgehen.

Chipmusic ist weitaus mehr als nur computergenerierte Musik. Es beschreibt eine Musikszene, die vieles anders macht. Der Dokumentarfilm Reformat the Planet zeigt zum Beispiel, dass sowohl die Herangehensweise an Musik und der kreative Prozess, als auch die barrierefreie Verbreitung der Inhalte besonders ist.

Ein Sound, der die Genres vereint

Beschäftigt man sich mit den Auftritten in Reformat the Planet oder mit den Line Ups der Chiptune Festivals, dann fällt die große Variation an Musikrichtungen auf. Künstler*innen aller Genres sind dabei: Techno, House, Hip Hop, Rock, Punk, melodisch oder experimentell. Egal, ob Solo-Künstler oder als Band, mit Gesang und Instrumenten, alles ist möglich. Im Gespräch stellt Keno heraus, dass „die Chiptune Szene sich nicht über das Genre abgrenzt, sondern durch die Soundästhetik. Das ist das Besondere.“ Aus meiner Sicht ist das in Zeiten, in denen wir vor lauter Filterblasen kaum noch mit gegensätzlichem Geschmack konfrontiert werden, ein ganz spannender Aspekt. Hier eine kleine Auswahl:

Chipmusic hat keine Agenda, sie soll nur Spaß machen, frei von festgelegten Standards. „Für viele Chiptune Künstler*innen ist es einfach das Coolste, die nächste EP rauszubringen und das mit ihren Freunden abzufeiern“, sagt Keno aka Vault Kid. Die große Kommerzialisierung ist also nicht zu erkennen.

Die benötigte Software ist in der Regel kostenlos oder für eine kleine Spende zu erwerben. Wirtschaftliche Interessen scheinen keine große Rolle zu spielen. Auch die Künstler*innen verbreiten ihre Tracks über Netlabels oder Plattformen wie Bandcamp und Soundcloud oft kostenlos.  „Es ist eher eine Szene leidenschaftlicher Hobbyisten“, findet Keno. Vieles basiert damit auf Eigeninitiative: Kreation, Verbreitung und Networking.

Eine Musikszene mit DIY-Charakter

Diese Hands-On Mentalität erkennt man auch, wenn man sich eine Live-Performance anschaut. Der Aufbau des Musiksetups erinnert ein wenig an eine Bastelwerkstatt im Hobbykeller: Zig verschiedene Kabel schlängeln sich von einem blinkenden Gerät zum anderen. „Es hat einen Reiz aus etwas Altem, etwas Neues zu machen“, sagt Keno und führt aus, dass man „die Zweckentfremdung der alten Videospielkonsolen auch als eine Art Recycling ansehen kann“. Die Künstler*innen verwerten alte Technik neu, probieren aus, sind neugierig. Sie verschieben die technischen Grenzen, indem sie die Geräte für einen anderen Zweck nutzen, als für den sie ursprünglich designt waren. Statt sich dem schnellen Upgradezyklus anzuschließen, führen die Künstler*innen ihre alte Technologie im DIY-Stil in die Moderne.

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Fuckjazzforaminute performing at I/O Chip Music in New York City, 2019. Photo by Chiptography.

Indem Keno einen klassischen Game Boy wiederverwertete, konnte er auch auf den Zugfahrten nach Hause Musik machen. Für den Studenten war ein Laptop für die Musikproduktion zu teuer. Mit dem Game Boy, einem wiederbeschreibbaren Leermodul (Flashcartridge) und dem Programm Little Sound DJ war das mobile Komponieren jedoch für circa 80 Euro möglich. Heutzutage liegen die Preise ein wenig höher, vermutlich durch gestiegene Sammlerwerte und fehlende Produktion.

Moderne Musiksoftware ist komplex – vor allem für Einsteiger*innen. Bei den Soundchips der alten Heimcomputer und Spielekonsolen ist das anders. Hier müssen sich Anfänger*innen wie fortgeschrittene Musiker*innen weniger auf komplexe Soundeinstellungen und viel mehr auf das Wesentliche konzentrieren: das Komponieren selbst. Durch die limitierten Möglichkeiten und die manuelle Eingabe müssen die Künstler*innen kreativ werden und den technischen Prozess des Komponierens nachvollziehen.

Kreativitäts-Boost: begrenzte Möglichkeiten

Warum unendliche Möglichkeiten für den künstlerischen Prozess nicht immer nötig sind, zeigen auch die Ergebnisse der Studie von Alex Yabsley, Event Prdoucer bei Yamaha Music Australia. In seiner Abschlussarbeit interviewte und befragte er bekannte Chiptune Artists, wie zum Beispiel Bitshifter. Bitshifter gilt als einer der bekanntesten Vorreiter der Chipmusic.

Laut seiner Aussage könne er unter technischen Limitationen kreativ am besten arbeiten.  Damit steht er nicht alleine da. Die begrenzten Möglichkeiten sind in der Studie von Yabsley auch der Hauptgrund, der Chiptune für die Künstler*innen attraktiv macht. Die Musiker*innen müssen mit dem arbeiten, was ihnen zu Verfügung steht. Was nicht geht, muss erfunden werden oder führt zumindest dazu, neue Wege zu beschreiten.  Viel zu oft bezeichnen wir etwas in der Welt als feststehend, wo manchmal nur ein tiefergehender Blick genügt, um etwas Neuartiges darin zu finden. Chipmusic spielt zwar mit der Nostalgie alter Videospielklänge, befreit sich aber zugleich von vorgegebenen Zwängen der Vergangenheit. Erst durch die Begrenzung der Möglichkeiten entfaltet sich dadurch ungeahnte Kreativität.

Etwas, das sich auch beim Spielen von Video Games niederschlagen kann. Das Game gibt den Rahmen vor, stellt Regeln auf. Der Spieler kann innerhalb dieser Regeln frei entscheiden, wie er sich verhält. Das führt dazu, dass die Spieler die Grenzen der Regeln ausloten. Der Spieler wird nicht nur Entdecker, sondern auch kreativer Tester der virtuellen Welt. So findet er unter Umständen Bereiche oder kuriose Objekte, die außerhalb der eigentlich vorgesehenen Regeln liegen.

Chiptune und die Verbindung zur Gameskultur

Dennoch ist der Bezug zur Videospielkultur nicht so groß, wie man vielleicht erwartet. Die Künstler*innen benutzen zwar Videospielkonsolen zum Musikmachen, aber im Prozess des Komponierens ist der Bezug zur Musik und dem Musikgenre größer als zu den Games. „Wir machen Musik nicht für Videospiele“, sagt Keno. Das deckt sich mit den Aussagen der Studie von Alex Yabsley. Die meisten Chiptune Musiker*innen geben zwar an mit Videospielen aufgewachsen zu sein, aber es sei nicht die Motivation, deswegen Chipmusic zu machen.

Andersherum gibt es jedoch Entwickler*innen, die explizit einen Chiptune Artist für den Soundtrack ihres Games beauftragen. In dem Jump n‘ Run Plattformer The Messenger durchstreift der Held zuerst eine 8-Bit und dann eine 16-Bit Welt. Ohne große Vorgaben der Publisher durfte Rainbowdragoneyes für dieses Spiel den Soundtrack komponieren. Er brauchte sich dabei nicht speziell auf Spielmechaniken einstellen, sondern war vor allem dazu angehalten, die Stimmung des Levels einzufangen. Der auch in Death Metal Bands spielende Künstler schuf so Musik, die mehr ist als nur Hintergrundmusik eines Videospiels.

Das Game Just Shapes & Beats geht sogar noch einen Schritt weiter. In dem rhythmischen Actionspiel muss der Spieler mit seiner geometrischen Figur (u.a. Quadrat, Rechteck etc.) anderen feindlich gesinnten Formen ausweichen. Der Clou: Die Musik bestimmt nicht nur den Rhythmus des Spiels, sondern auch die grafische Gestaltung. Das Spiel und die Musik sind so gut aufeinander abgestimmt, dass man eher das Gefühl hat an einem Musikvideo teilzunehmen, als ein Video Game zu spielen. Bekannte Chiptune Künstler*innen wie Danimal Cannon, Chipzel, Kubbi, Sabrepulse oder Shirobon tragen mit ihren Songs dazu bei, dass dieses Game stark von Chiptune geprägt ist. Wegen der schnell aufleuchtenden und blinkenden Lichter möchte ich vor dem Anschauen des Videos auf die gegebene Epilepsie-Warnung hinweisen.

Hören wir Chiptune das erste Mal, sieht man nur altbekannte Konsolen oder Heimcomputer und hört vielleicht Töne, die an die eigene Kindheit erinnern. Doch es steckt mehr dahinter. Wir sehen eine Musikszene, in der sich Geschmäcker vermischen, in der die veraltete Technologie zweckentfremdet wird und auf kreative Weise ihre Grenzen ausreizt. Dies trifft bei mir einen Nerv und je mehr ich mich mit der Musik und den Hintergründen auseinander setze, desto größer wird die Faszination.

Deswegen soll es zum Abschluss nochmal kräftig was auf die Ohren geben. Hier eine Auswahl bekannter nationaler und internationaler Chiptune Künstler*innen.  Mir hat das kleine Abenteuer Chiptune sehr viel Spaß gemacht und hoffe, dass euch der kleine Einblick ebenfalls gefällt. Wer möchte darf gerne sein Feedback geben. Ich würde mich freuen.

Ein großer Dank geht auch nochmal an Vault Kid für das sehr informative und sympathische Gespräch und Chiptography für die Nutzung ihrer tollen Bilder.

Nationale Künstler:

Internationale Künstler:


Hinweis: Die im Beitrag erwähnten oder verlinkten Spiele oder Künstler empfehle ich auf Basis meiner Recherche. Ich erhalte keine finanziellen oder wirtschaftlichen Vorteile durch die Nennungen.


Quellen

Weitere Literatur

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