Ein neues Projekt steht an, das Team ist frisch zusammengestellt und alle arbeiten im Home Office. Ein paar deiner Team-Kollegen kennst du weder persönlich, noch hast du mit ihnen zusammengearbeitet. Virtuelle Teamarbeit ist gefragt. In der Realität ist das schon kompliziert genug, über Voice- und Video-Calls kann das eigentlich nicht einfacher werden.

Die Frage: Was tun, wenn es nun in der Zusammenarbeit hakt? Wie stärken wir den Teamgedanken, wenn wir aus dem Home Office arbeiten? Gängige Team-Building-Maßnahmen sind in Zeiten der Corona-Pandemie nicht möglich. Eine Alternative muss her. Videospiele könnten eine Lösung sein. Dass dieser Gedanke nicht abwegig ist, zeigt  zumindest die wissenschaftliche Studie „Team Video Gaming for Team Building: Effects on Team Performance“ aus dem Jahr 2018.

Das Experiment zeigt: Videospiele können als Team-Building-Maßnahme funktionieren

Die Informationswissenschaftler um Mark Keith analysieren in ihrer Arbeit die Teamleistung von 352 Studenten in 80 Teams vor und nach einer 45 minütigen Team-Building-Maßnahme. Sie teilen die 80 Team in drei Untersuchungsgruppen: Kontrollgruppe ohne Maßnahme, Gruppe mit zielsetzendem Planungsworkshop und Gruppe Team Video Game.

Im Planungsworkshop erörtern und bewerten die Teams ihre Teamarbeit, zuvor definierte Fragen leiten durch den Workshop. Die Teams der Gruppe Team Video Game wählen aus entweder „Halo 4“ oder „Rockband 3“. In „Halo 4“ werden vier gegen vier Matches im „Capture the Flag“-Modus ausgetragen. In diesem Modus erhält jedes Team eine Fahne, die die Spieler entweder verteidigen oder versuchen, die Fahne des gegnerischen Teams in ihre Basis zu bringen. In „Rock Band 3“ spielt das Team wortwörtlich eine Rock Band, jeder spielt ein Instrument, einer singt. Die Teams treten mit ihren erzielten Highscores gegeneinander an.

Die Wissenschaftler forschen mit der Annahme, dass Videospiele den sozialen und aufgabenbezogenen Zusammenhalt eines Teams stärken. Dies wirke sich auf die Leistungsfähigkeit aus. Die Wissenschaftler messen den Teamerfolg durch Findamine, ein Geocaching-Spiel. Hier müssen Teams in Zusammenarbeit unter Zeitdruck bestimmte Orte finden. Das Ergebnis ist überzeugend: Die Gruppe Team Video Gaming steigert ihre Leistung um ca. 20 Prozent gegenüber dem  traditionellen, zielsetzenden Planungsworkshop.

Nicht jedes Spiel eignet sich

Auch wenn die Studie methodisch nachvollziehbar ist – ihre Aussagekraft hat Grenzen. Es ist ein Experiment unter Laborbedingungen und bezieht sich nur auf neugeformte Teams, die sich gemeinsam an einem Ort befinden. An der Studie nehmen nur Studenten teil, die Gaming-Erfahrungen haben. Die Realität in der Arbeitswelt sieht unter Umständen anders aus, ist bunt gemischt. Einige kennen Videospiele, andere haben vielleicht noch nie eines gespielt. Manche sind vertraut mit Steuerung und Technik, andere nicht. Eventuell treten generationsbedingte Unterschiede auf.

Dennoch zeigen die Ergebnisse, dass es nicht abwegig ist, Video Games für das Team-Building auszuprobieren. Laut Studie können sie einen eindeutigen, positiven Effekt auf die Teamleistung haben. Ein Versuch kann nicht schaden.

Traditionelle Team-Building-Aktivitäten beschreiben die Wissenschaftler als Übung miteinander zu kommunizieren, zu kooperieren, gemeinsame Ziele zu setzen und die Durchführung zu planen. Laut den Wissenschaftlern leisten das auch im Team gespielte Videospiele. Die Spieler*innen üben Kooperation und Kommunikation. Sie lernen, sich auf andere Teammitglieder zu verlassen, selbst einen Beitrag zu leisten und verfolgen ein gemeinsames Ziel. Der Unterschied: Video Games sind zudem auf Unterhaltung und Spaß ausgelegt.

Was macht ein Spiel kooperativ? Eine Möglichkeit ist, sich an den Analysen der Computerwissenschaftler um Magy Seif El-Nasr zu orientieren. In ihrer Arbeit „Understanding and Evaluating Cooperative Games“ einigen sie sich auf dreizehn Spielmechaniken.

Die 13 möglichen Game Design-Muster kooperativer Videospiele nach El-Nasr:

  • Complementary: Die Spieler*innen spielen unterschiedliche Charaktere, deren Fähigkeiten sich gegenseitig ergänzen.
  • Shared goals: Die Spieler haben ein gemeinsames Ziel.
  • Shared Puzzles: Herausforderungen können nur im Team gelöst werden kann.
  • Synergies between abilities: Ein Spielcharakter kann anderen Charakteren assistieren oder neue Möglichkeiten eröffnen.
  • Abilities that can only be used on another player: zum Beispiel die Fähigkeit, einen anderen Spieler*innen zu heilen
  • Synergies between goals: individuelle Ziele, die auch für die Mitspieler*innen nützlich sind
  • Special rules: Beispielsweise, wenn Teammitglieder sich nicht gegenseitig schaden können (Friendly Fire)
  • Limited resources: Spieler werden ermutigt Ressourcen untereinander aufzuteilen und auszutauschen.
  • Interacting with the same object: ein Objekt, auf das alle Spieler gleichzeitig zugreifen können
  • Shared Characters: Spieler*innen teilen sich Spielcharaktere und müssen mit ihren Mitspielern*innen das weitere Vorgehen diskutieren.
  • Special Characters targeting lone wolf: spezielle Gegner, die Spieler*innen verfolgen, die sich von ihrem Team trennen
  • Vocalization: Spielmechaniken, die Spieler vor verschiedenen Herausforderungen alarmieren
  • Camera setting: Kameraeinstellung, zum Beispiel ein geteilter oder gemeinsamer Bildschirm

Okay, nun kennen wir ein paar kooperative Spielmechaniken in der Theorie. Das hilft uns in der Umsetzung noch nicht weiter. Wo finden wir Spiele und wie starten wir das Ganze?

Dazu eines vorweg: Meine Spiel- und Plattform-Vorschläge sollen lediglich eine Inspiration und vor allem Einsteiger-freundlich sein. Es gibt unzählige Möglichkeiten, kooperativ zu spielen und erfahrene Gamer kennen vermutlich selbst viele geeignete Optionen. Habt ihr also Tipps und Empfehlungen, dann schreibt gerne in die Kommentare.

Steam Remote Play Together: Spielen und Teilen

Vorteil: Das gemeinsame Spielen kann von zentral von einer Person organisiert werden.

Nachteil: Der Host muss die nötige Hardware und Internetverbindung leisten.

 „Steam“ ist eine Gaming-Plattform. Vereinfacht installiert und spielt man dort Computerspiele. Es gibt einen Shop, um Games zu kaufen und umfangreiche Community-Optionen. Um „Steam“ zu nutzen, wird es auf dem eigenen Rechner installiert.

Mit Remote Play Together teilen die Käufer*innen das Mehrspieler-Spiel mit ihren Freunden. Die Mitspieler*innen brauchen das Spiel nicht. Die Käufer*innen streamen das Spiel kostenlos auf die Rechner ihrer Freunde. Auch Spiele, die sonst keinen Online-Mehrspieler-Modus hätten, können so über das Internet zusammen gespielt werden. Die streamenden Spiler*innen müssen auf einen empfohlenen Voraussetzungen und eine sehr gute Internetverbindung achten. Vor allem die Geschwindigkeit und Konstanz eurer Internetverbindung kann einen Einfluss auf die Spielerfahrung haben. Für einen reibungslosen Ablauf sollten ebenfalls alle Spieler die aktuelle Steam-Version nutzen.

Overcooked 2

Eine Küche, bis zu vier Spieler*innen, ein großes Chaos – so beschreibt sich “Overcooked 2”. Euer Team kocht kooperativ für hungrige Gäste in bizarren Welten und Küchen. Inmitten des Gewusels müsst ihr Aufgaben und überraschende Herausforderungen gemeinsam überwinden.

Joggernauts

In “Joggernauts” hüpft ihr in einem Team von bis zu vier Spielern*innen durch eine bunte 2D-Welt. Der Clou: Um die Hindernisse zu überwinden, müsst ihr eure Position wechseln. Jedes Hindernis hat eine Farbe und nur der Charakter mit der gleichen Farbe überwindet diese. Steht der falsche Charakter vorne, stirbt er. Die Steuerung ist leicht, es sind nur zwei Tasten zu bedienen. Doch geistig ist es überraschend herausfordernd und richtige Teamarbeit ist nötig.

Unrailed!

Bei diesem Spiel müsst ihr eine Dampflokomotive in der Spur halten. Die Lok fährt unermüdlich voran und euer Ziel ist es diese nicht entgleisen zu lassen. Zusammen legt ihr in einem Team (bis vier Spieler*innen) die Schienen durch eine zufällig generierte Welt. Es gibt viel zu koordinieren. Ressourcen, wie Holz und Eisen, müssen gesammelt, Hindernisse aus dem Weg geräumt und überhitzte Eisenbahnteile gekühlt werden. Ihr müsst entscheiden, wer welchen Job übernimmt.

Heave Ho

Bei „Heave Ho“ hangelt ihr euch nur mit den Armen von Start zu Ziel. Wie ihr vorgeht, ist euch überlassen. Ihr haltet einander fest und dürft nicht abstürzen. „Heave Ho“ ist ein Spiel mit bunter Optik. Gemeinsam die rechten und linken Arme zu koordinieren, ist eine Herausforderung.

LEGO  Games, wie LEGO Star – Wars – The Complete Saga

Die LEGO-Spiele sind bekannt für ihren Mehrspieler-Spaß, ihrem Humor und der Nutzung bekannter Franchises, wie „Harry Potter“, „Jurassic Park“, „Indiana Jones“ oder „Star Wars“.  In „LEGO Star Wars – The Complete Saga“ schlägt man sich im Team durch die Filme I bis VI. Ihr könnt dabei viele popkulturelle Anspielungen und Rätsel entdecken.

The Jackbox Party Pack 6

Diese beliebte Party-Spiele-Sammlung beinhaltet fünf Games, die mit bis zu zehn Spielern*innen gespielt werden können. Die Minispiele überzeugen mit Witz und lockern die Stimmung. Soweit ich weiß, gibt es das Spiel nur in englischer Sprache. Die Jackbox Part Packs gehören zu den Topsellern von Steams Remote Play Together.

Human: Fall Flat

“Human: Fall Flat” ist ein virteuller Hindernislauf für bis zu acht Spieler*innen. Vor allem die wackeligen Spielfiguren und die unendlichen Möglichkeiten sich in einer offenen Welt gemeinsam auszutoben machen das Game besonders.

Cloud-Gaming:  Wenn der PC zu schwach ist, kann man die Rechenleistung auslagern

Im Cloud-Gaming läuft das Spiel über externe Server, die Anbieter leisten die nötige Rechenpower. Der große Vorteil: Die Hardware-Anforderungen sind sehr gering. Letztlich kommt nur das gestreamte Bild mit Ton bei euch an. Das bedeutet, selbst veraltete Rechner reichen, um die volle Spielerfahrung zu erhalten. Grundvoraussetzung ist aber eine gute Internetverbindung. Das Verbraucher-Portal „Chip.de“ empfiehlt beispielsweise mindestens eine ungeteilte 50-Mbit/s-Leitung, für einen angenehmen Spielfluss. Die Technik ist noch  recht neu und entwickelt sich, meistens wird ein monatliches Abonnement benötigt. Je nach Service können kostenlose Spiele enthalten sein.

Google Stadia

Vorteil: kostenloser Account, niedrige Einstiegsschwelle

Nachteil: Spiele in der Regel zahlungspflichtig

Stadia ist Googles großes Versprechen im Cloud-Gaming-Bereich. Nach eigenen Angaben reicht bereits eine 10-Mbit/s Internetverbindung für das Spielen in HD-Auflösung. Für die 4k-Erfahrung empfiehlt Google mindestens 35 Mbit/s. Das liegt deutlich unter der Bewertung von „Chip.de“. Die grundlegende Nutzung kostet nichts, nur im „Pro“-Modell werden monatlich 9,99 Euro fällig. In der Regel muss man jedoch für jedes zusätzlich zahlen. Aus meiner Sicht ist die Suche nach Online-Mehrspieler-Spielen etwas unübersichtlich und wenig intuitiv.

Get Packed

Ähnliche Spielmechanik wie bei „Overcooked“, nur diesmal spielt ihr Möbelpacker. Jeder kennt Umzüge aus der Realität und weiß, wie wichtig das eigene Team dabei ist.

Destiny 2

„Destiny 2” ist nicht unbedingt für Anfänger geeignet. Es ist ein First-Person-Shooter bei dem man in futuristischen Welten in Teams gegeneinander antritt. Es gibt unterschiedliche Modi, in denen man sich messen kann. Zum Beispiel der Modus, in der man bestimmt Orte auf der Karte einnehmen und für eine bestimmte Zeit verteidigen muss. „Destiny 2“ liste ich hier auf, da es ein Spiel mit höheren Hardware-Anforderungen ein gutes Beispiel für das Potenzial von Cloud-Gaming ist. Stimmt die Internetverbindung, lässt sich auch ein technisch forderndes Spiel mit geringen Ressourcen spielen.

Apple Arcade

Vorteil: Keine Werbung, keine In-App Käufe. Alle Spiele sind inklusive. Mobile Nutzung

Nachteil: monatliche Kosten

Was „Stadia“ für Google ist, ist „Apple Arcade“ für den Konzern mit dem Apfel-Logo. Der Unterschied: „Apple Arcade“ ist nur mit Abo nutzbar und vor allem für die mobile Nutzung optimiert. In-App Käufe und Werbung gibt es nicht. Alle Spiele sind in den monatlichen 4,99 Euro inbegriffen. Mittlerweile stehen über 100 Games zur Verfügung und bis zu sechs Familienmitglieder können sich einen Account teilen. Apple ist für ihre reibungslose Vernetzung der hauseigenen Geräte bekannt. Das kann gerade für Teams interessant sein, die sich im Apple-Universum heimisch fühlen.

Hogwash

„Hogwash“ teilt die Spieler in zwei Teams: In Schweine, die die Farm verdrecken, und in einen Farmarbeiter, der alles wieder sauber macht. Maximal drei Schweine duellieren sich mit dem Farmarbeiter .

Scrappers

Die Welt ist vermüllt und ihr räumt auf. In „Scrappers“ säubert ihr zusammen mit bis zu vier Spielern*innen die Straßen. Unter Zeitdruck beladet ihr den Müllwagen. Teamwork ist dabei der Schlüssel, um den Highscore in die Höhe zu treiben.

Browsergames: ein Tab, ein Spiel und losgezockt

Vorteil: schneller Zugriff, oft kostenlos

Nachteil: anderweitige Finanzierung, z.B. durch Werbung

Ho Yin Cheung, Gründer der Firmen Riotly und Remo, nutzt Online Spiele, um die Produktivität seines Remote-Teams zu steigern. In seinem Artikel „How I Use Online Games to Skyrocket My Remote Team’s Productivity“ auf „medium.com“ beschreibt er das Problem, wenn durch das Home Office der soziale Plausch an der Kaffeemaschine wegfällt. Web-basierte Online-Spiele bieten für ihn eine gute Alternative. Der Vorteil von Browser-Games: Eine Installation ist nicht notwendig. Außerdem sind die Spiele oft kostenlos. Die Qualität und Nutzerfreundlichkeit kann ich zwar nicht beurteilen, möchte es der Vollständigkeit halber dennoch erwähnen.

Praxisbeispiele sind rar – Wer möchte aus dem Nähkästchen plaudern?

Ob sich Video Games als Team-Building Maßnahme eignen, steht nicht fest. Ich vermute aufgrund der wissenschaftlichen Analysen, dass es funktionieren kann. Die Hardware-Anforderungen sind mittlerweile gering, die Optionen für Teamplay vorhanden. Ein Versuch ist es aus meiner Sicht wert.

Falls ihr es ausprobiert oder schon Erfahrungen gemacht habt, dann schreibt mir gerne.

Bevor ihr euch ins Gaming-Abenteuer stürzt, überlegt auch, ob ihr mögliche Sicherheitsvorschriften einhalten müsst. Meine Recherche kann es nicht leisten, euch individuell ausreichend abzusichern. In diesem Sinne wünsche ich euch nun viel Spaß beim Ausprobieren und gemeinsamen Zocken. Bis zum nächsten Mal bei Gameskultur.


Hinweis: Die im Beitrag erwähnten oder verlinkten Spiele empfehle ich auf Basis meiner Recherche. Ich erhalte keine finanziellen oder wirtschaftlichen Vorteile durch die Nennung der Spiele.


Quellen:

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